Guide, Reise

Kalkstein Himmel, Schotter Hölle – die Tasmanregion

Die Tasmanregion im äußersten Norden Neuseelands Südinsel strotzt nur so von Superlativen: hier gibt es den größten natürlichen (Kalkstein) Bogen und die tiefste Höhle der südlichen Hemisphere, Neuseelands tiefsten vertikalen Schacht und das längste Höhlensystem. Sie beheimatet außerdem Neuseelands größte Spinne, die längste Landzunge, die größte und klarste Frischwasserquelle und weist die meisten Sonnenstunden des Landes auf. Die leuchtend goldenen Strände des beliebten Abel Tasman Nationalparks sind im ganzen Land und darüber hinaus berühmt.

Anmerkung: es gibt eine ganze Menge mehr zu sehen, als die Orte, die ich hier aufzähle. Dies sind nur einige Highlights dieser wunderbaren Gegend :)

DER WESTEN: Oparara Becken im Kahurangi Nationalpark

Im Oparara Becken an der Westküste Tasmans findet man den größten natürlichen Steinbogen der südlichen Hemisphere: den Oparara Bogen. Er misst atemberaubende 219m in Länge, ist bis zu 79m breit und 43m hoch. Allerdings ist dieses Wunder der Natur alles andere als einfach zu erreichen. Von Westport aus führt eine fast 100km lange Landstraße in das kleine Örtchen Karamea bevor man 16km einer der steilsten und kurvenreichsten, welligsten engen Schotterpisten, die ich je gesehen habe, bezwingen muss. Es hat uns eine gute halbe Stunde gekostet diese Albtraumstraße entlangzufahren. Nichtsdestotrotz – das war es absolut wert. Der Oparara Bogen ist nur eine kurze, 30-minütige Wanderung vom Parkplatz entfernt und bietet einen umwerfenden Anblick. Der Tunnel wurde durch den brau-roten Oparara Fluß geformt, der diesen und weitere Bögen durchläuft. Einer davon ist der Moria Gate Bogen.

Ein wunderbarer Anblick, selbst bei schlechtem Wetter

Mit 19m Höhe und 43m Breite ist der Moria Gate Bogen zwar um einiges kleiner, aber dennoch definitiv einen Besuch wert. Er ist über einen anderen Weg (30 Minuten) vom gleichen Parkplatz erreichbar. Um in die Flusshöhle zu gelangen, muss man durch einen kurzen, engen Schacht klettern. Die Decke des Bogens ist mit hunderten Stalaktiten bedeckt und wunderschön anzusehen. Namensgebend war ein Ort aus den Der Herr der Ringe Romanen; Moria (Sindarin: schwarze Schlucht) ist dort ein rießiger Verbund von Minen, Tunneln, Kammern und Hallen.

Folgt man der holprigen Schotterstraße für weitere 3km, stößt man sowohl auf die Crazy Paving (Mosaikpflaster) als auch auf die Box Canyon Höhle (Fußweg vom Parkplatz ca. 5 Minuten). Beide Höhlen beheimaten Neuseelands größte Spinnenart (Spelungula cavernicola, oder Nelson Höhlenspinne) und können auf eigene Faust erkundet werden. In die Crazy Paving Höhle führt ein gepflasterter Weg, und rechts und links davon kann man das namensgebenden, natürliche mosaikartige Muster am Boden erkennen. Wir haben eine der extrem seltenen, rießigen (und durch den Wildlife Act geschützten) Höhlenspinnen (Beinspannweite bis zu 15cm) und einen ihrer merkwürdigen, von der Decke baumelnden Eiersäcken entdecken können. Die Box Canyon Höhle ist direkt nebenan und dort leben anscheinend Wetas, Spinnen und Käfer – wir haben sie jedoch ziemlich leer vorgefunden (Wetas sind sowieso irgendwie furchterregend :))

DER NORDEN: Golden Bay

Die Waikoropupu Quellen (auch als Pupu Quellen bekannt) liegen im Takaka Tal und sind die größten Frischwasserquellen in Neuseeland und die größten Kaltwasserquellen in der Südlichen Hemisphere. Die Quellen stoßen etwa 14,000 Liter Wasser pro Sekunde aus und zählen zu den klarsten Gewässern der Welt. Die horizontale Sichtweite von ungefähr 63m entspricht fast der von destilliertem Wasser und rührt von der natürlichen Filterung des Wassers. Die Quellen sind spirituell bedeutend für Maori und sollten nicht berührt werden.

Auf dem Weg in den Norden machten wir einen kleinen Umweg nach Rockville im Aorere Tal um uns ein paar merkwürdige Kalkstein-Felsvorsprünge am Wegesrand anzusehen. Da sie wie ein Paar Schuhe aussehen, die verkehrt herum aus dem Boden ragen, wurden sie treffenderweise Devil’s Boots (Teufels Stiefel) benannt.

Da er im äußersten Norden der Neuseeländischen Südinsel liegt (am Ende einer 4km Schotterstraße), ist der beeindruckende Wharariki Strand starken Winden ausgesetzt (Sandstrahlfeeling inklusive). Das wohl bekannteste charakteristische Merkmal des Wharariki Strandes sind die vier unbewohnten Archway Islands (Torbogen Inseln). In der höchsten Insel (66m) gibt es zwei natürliche Durchlässe oder Torbögen, die der Inselkette ihren Namen geben. Neben den Archway Islands gibt es noch eine ganze Menge an weiteren Bögen, Höhlen und Gesteinsformationen zu entdecken. Bei Ebbe kann man den Strand in westlicher Richtung ziemlich weit erkunden, wenn man bereit ist, sich durch enge Spalten und Durchgänge zu zwängen und ein paar Felsen zu erklimmen. Der Weg in östlicher Richtung führt am Cape Farewell, dem nördlichsten Punkt der Südinsel, und dem Pillar Point Leuchtturm vorbei zum Farewell Spit, der längsten Landzunge Neuseelands (ca. 26km). Sie zeichnet sich durch ihre diverse Fauna aus und nur die ersten 4km dürfen auf eigene Faust erkundet werden (weiter darf man nur mit einer geführten Tour). Betrachtet man den Spit auf einer Landkarte, sieht er fast aus wie der Schnabel eines landestypischen Kiwis.

Wharariki Beach (1 & 2) | view towards Farewell Spit (3)

DER OSTEN: Abel Tasman

Die umwerfende Rawhiti Höhle (Maori: sunrise; Sonnenaufgang) befindet sich ein wenig westlich des Abel Tasman Nationalparks. Sie ist kaum ausgeschildert, aber die Straße ist nur auf dem letzten Kilometer unasphaltiert (hurra!). Der Wanderweg zur Höhle (ca. 1 Stunde) ist jedoch wesentlich anspruchsvoller als die Wege zu den anderen Höhlen und Bögen, die wir in der Tasmanregion besichtigt haben. Die erste Hälfte folgt und überquert Dry River (ein ausgetrocknetes Flussbett) mit rießigen Felsbrocken, bevor man über einen steilen und schmalen Zickzack-Weg zum Höhleneingang – einem der größten in Neuseeland (40m breit, 20m hoch) – aufsteigt. Die Höhle gilt, dank ihrer diversen Flora in der Dämmerungszone, als national bedeutend. Durch ein Phänomen namens Phytokarst* sind die Stalaktiten am Höhleneingang besonders groß und vielzählig.
Nach einem anstrengenden Aufstieg an einem heißen Tag war die Kühle im Höhleninneren sehr willkommen :) Dort befindet sich auch eine kleine Aussichtsplatform, aber davon abgesehen ist die Höhle ziemlich unerschlossen.

*Phytokarst: durch Pflanzenwuchs auf den Gesteinsformationen lagert sich kohlensaurer Kalk ab. Da mehr Sonnenlicht in die äußeren Bereiche der Höhle trifft, sind die dadurch entstehenden Stalaktiten in diesem Bereich wesentlich größer und nach außen gekrümmt. Je weiter man sich vom Höhleneingang entfernt, desto kleiner und zarter werden die Stalaktiten.

Sowohl The Grove (Der Hein) als auch Labyrinth Rocks (Felsenlabyrinth) befinden sich in der Nähe der Rawhiti Höhle und beide sind für ihre großen, von Wasser geformten Kalksteinfelsen bekannt.
Der kurze Weg im Grove Scenic Reserve führt zu einer Aussichtsplatform mit Blick Richtung Küste. Bei den Labyrinth Rocks gibt es ein paar skurile Gesteinsformationen zu sehen. Es ist ein super-seltsamer Ort – nicht wegen der coolen Felsformen, sondern weil den Felsen Namen wie “küssende Schweine” oder “Grand Canyon” gegeben wurden – obwohl man nicht ansatzweise etwas derartiges erkennen kann. Außerdem stehen überall kleine Plastikspielzeuge herum. Ich fand besonders die große Plastikspinne und die echten Schädel und Knochen von Rindern (schätze ich mal) extrem schräg..

The Grove | Labyrinth Rocks

Einige der atemberaubendsten Naturwunder in der Tasmanregion findet man am Ende einer langen, holprigen, schmalen Schotterpiste. So wie Harwoods Hole, eine der größten Höhlen des Landes (357m tief, 70m breit) mit dem tiefstem vertikalen Schacht Neuseelands (176m).
Eine 11km lange Schotterstraße führt von Takaka Hill zum kleinen Parkplatz im Canaan Downs Scenic Reserve von wo ein 45-minütiger Spaziergang zur Harwoods Hole führt. Am Ende des Weges muss man über rießige Felsen klettern um an den Rand der massiven Schlucht zu kommen. Es gibt an der 50m runden Öffnung  keinerlei Sicherheitsabsperrungen und man kann den vertikalen Schacht vom Rand aus nicht direkt einsehen. Nichtsdestotrotz ist es ein erstaunlicher, wenn auch gefährlicher Ort: nur die erfahrensten Höhlenkletterer sollten hier einen Abstieg wagen.
Hoch oben ist eine Slackline über die Öffnung gespannt und wir hatten Glück einem Typen bei seiner Überquerung zusehen zu können.

Die Tasmanregion ist wahnsinnig abwechslungsreich und hat viel zu bieten. Abgesehen von den coolen Felsformationen, Höhlen und Bögen, findet man hier unglaublich leuchtend goldene Strände. Der renommierte Great Walk in Abel Tasman führt die knapp 60km zwischen Marahau und Wainui Bay an der Küste entlang und kann in etwa fünf Tagen bestritten werden. Für einen Tagesausflug kann man ein Wassertaxi in den Nationalpark nehmen und von dort aus entweder zurücklaufen oder an andere Stelle wieder eingesammelt werden. Es ist wunderschön dort und ein Must-Do wenn man in der Gegend ist. Wenn man mit dem Wassertaxi fährt, bekommt man normalerweise auch den Split Apple Rock zu sehen und kann ein paar Seebären entlang der Küste entdecken.

Anchorage Bay in Abel Tasman | Tokangawhā / Split Apple Rock

Außerdem erwähnenswert sind die längste Hängebrücke Neuseelands, die die schöne Bullerschlucht überspannt, und die wunderbaren Nelson Lakes im südlichen Teil Tasmans. Die Riwaka Resurgence (Riwaka Wiederkehr), wo der Riwaka Fluss aus den Tiefen des Takaka Hills tritt, und der Wainui Wasserfall, beide über kurze Wanderwege erreichbar, sind auch einen Abstecher wert.

Und: man kann sich auf ein paar umwerfende Sonnenauf- und -untergänge gefasst machen!

  • Mount Arthur beheimatet die tiefste Höhle der südlichen Hemisphere. Das Ellis Basin Höhlensystem ist beeindruckende 1200m tief, was es zur zweittiefsten Höhle der Welt macht.
  • Das längste Höhlensystem Neuseelands ist 66km lang und befindet sich unter Mount Owen im Kahurangi Nationalpark. Es ist als Bulmer Cavern bekannt.
  • In der Tasmanregion scheint die Sonne im Durchschnitt für 2,250 Stunden pro Jahr.